Bildungsinfrastruktur

Mit Investitionen in Wissen regional zukunftsfähig bleiben

Eine gute Bildungsinfrastruktur bestimmt maßgeblich die Attraktivität eines Wirtschaftsstandortes oder einer Region. Ein bedarfsgerechtes, attraktives Angebot an Kindertagesstätten (Kita) und Schulen beeinflusst die Wohnortentscheidung von Eltern. Für Betriebe wiederum ist bei der Standortwahl u. a. das Vorhandensein von gut qualifizierten Fachkräften wichtig.

Für Auszubildende gute und erreichbare Berufsschulen im regionalen Umfeld sichern die duale Ausbildung. Die wissenschaftliche Arbeit der Hochschulen ermöglicht Impulse für Innovationen. Nicht zuletzt ist es insbesondere für KMU und die Wirtschaft in ländlichen Regionen wichtig, dass attraktive Bildungsangebote nicht ausschließlich in Ballungsräumen konzentriert werden. Auch dünner besiedelten Regionen brauchen eine zeitgemäße Bildungsinfrastruktur.

Die Bildungsinfrastruktur befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen den Auswirkungen der demografischen Entwicklung und dem Trend zu höheren Bildungsabschlüssen. Institutionell sind alle Bildungsbereiche von der Kita bis zur Hochschule von einem strukturellen Wandel geprägt. Bei den Kitas findet ein Aufbau zusätzlicher Kapazitäten vor allem in den westdeutschen Bundesländern statt. Es geht darum, den gesetzlichen Anspruch auf einen Platz für ein- und zweijährige Kinder ab August 2013 erfüllen zu können. Schulen und Berufsschulen stellen sich auf sinkende Schülerzahlen ein, während an den Hochschulen im Rahmen des Hochschulpaktes ein Ausbau der Studienplätze erfolgt. Hier wirken sich vor allem doppelte Abiturjährgänge und das Ende des Zivildienstes aus. Aber auch der weiter zunehmende Anteil der Schulabsolventen mit Hochschulzugangsberechtigung und die derzeit hohe Studierneigung spielen eine Rolle.

Leitlinien für das wirtschaftspolitische Handeln:

 

Investitionen in zukunftsfähige Infrastruktur sichern

Laut KfW-Kommunalpanel haben die Gemeinden und Landkreise für 2012 geplant, 5,3 Milliarden Euro in die Kinderbetreuung und in Schulen zu investieren. Allerdings beträgt der Investitionsrückstau derzeit 27 Milliarden Euro. Er konnte auch durch das Konjunkturpaket II nicht abgebaut werden. Die Nettoinvestitionen der Kommunen sind negativ, das heißt, die Abschreibungen fallen höher aus als die Neuinvestitionen. Man könnte auch sagen, die Bildungsinfrastruktur verschleißt.
Obwohl die demografische Entwicklung vermuten lässt, dass die Höhe der Investitionen in Bildungsinfrastruktur abnehmen könnte, zeigt sich, dass dies zumindest mittelfristig nicht der Fall ist. Der Investitionsrückstand muss dringend abgebaut werden.

Zudem zwingen gesellschaftliche Entwicklungen wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und der Trend zu höherer Bildung zu zusätzlichen Investitionen. Das heißt, Mittel für die Bildungsinfrastruktur dürfen nicht vermindert werden. Die so genannte demografische Rendite muss für Investitionen genutzt werden.
In den Haushalten der Länder, die in erster Linie für die Hochschulen verantwortlich sind, ist in den nächsten Jahren keine Steigerung der Bildungsausgaben zu erwarten. Sie können es also nicht auffangen, wenn die Bund-Länderprogramme auslaufen, die in den Hochschulen in den vergangenen Jahren zu Zusatzeinnahmen von rund zwei Milliarden Euro geführt hatten (Exzelleninitiative bis 2017, Hochschulpakt bis 2020, Hochschulbauprogramm bis 2019). Die Schuldenbremse zwingt die Länder eher zu zusätzlichen Einsparungen. Gleichwohl stellt sich aufgrund der gemeinsamen Sonderprogramme mit dem Bund die finanzielle Lage der Hochschulen derzeit so gut wie nie zuvor dar.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch Betreuungsangebote

Der derzeit geplante Ausbau der Krippenbetreuung, der vorsieht, dass für 35 Prozent der ein- und zweijährigen Kinder bis August 2013 ein Platz zur Verfügung steht, dürfte nicht ausreichen. Neuere Analysen haben einen tatsächlichen Bedarf von derzeit 39 Prozent ermittelt. Das entspricht einer Differenz von rund 80.000 Plätzen, die 2013 mindestens fehlen werden. Die Planungen beim Ausbau der Kapazitäten müssen dem wachsenden Bedarf angepasst werden. Darüber hinaus muss neben der räumlichen Struktur auch in die Ausbildung der Erzieher und Erzieherinnen investiert werden, damit flankierend zur Betreuung auch ein hochwertiges frühkindliches Bildungsangebot geschaffen wird.

In vielen Regionen gibt es noch immer zu wenige Ganztagsangebote, vor allem an Schulen. So ist zwar an fast allen ostdeutschen Grundschulen auch nachmittags ein verlässliches Bildungs- und Betreuungsangebot etabliert. Im Westen ist aber noch an 15 Prozent aller Grundschulen nach dem Unterricht die Schule aus. Auch hier sind also weitere Investitionen in Hortplätze und ganztägige Lernangebote notwendig.

Regionale Wirtschaft bei der Schulinfrastruktur beteiligen

Demografisch begründete Schulschließungen und Zusammenlegungen müssen mit Augenmaß erfolgen. Sie dürfen sich nicht einseitig an bürokratischen Kennzahlen der Kultusministerien orientieren. Die Erfahrungen in Ostdeutschland haben gezeigt, dass Anmeldezahlen teilweise vorübergehend schwanken. Zudem droht eine beschleunigte Abwanderung von Familien, wenn die Schule im Ort schließt und damit auch ein Attraktivitätsverlust des Wirtschaftsstandortes.

Bei aller notwendigen Konzentration sollten Entscheidungen über die Bildungsinfrastruktur auch sinnvolle pädagogische Konzepte berücksichtigen, die helfen die Ausbildungsreife zu sichern und die Jugendlichen optimal auf das spätere Berufsleben vorzubereiten. Die regionale Wirtschaft sollte an der Schulentwicklungsplanung beteiligt werden.

Die Zahl der öffentlichen Schulen geht zurück, die Zahl der privaten Schulen nimmt in vielen Bundesländern zu. Privatschulgründungen sind oftmals die Folge, wenn in kleineren Gemeinden aufgrund zurückgehender Schülerzahlen die Schulen geschlossen oder zusammengelegt werden. Sie sind auch Ausdruck des Bedürfnisses nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, denn sie bieten fast immer eine Ganztags- und Ferienbetreuung an. Private Initiativen sollten grundsätzlich gefördert werden, besonders wenn sich der Staat regional aus seiner Verantwortung zurückzieht.

Investitionen in regionale Bildungsnetzwerke zahlen sich bei der Förderung benachteiligter Kinder und Jugendlicher aus bildungsfernen Familien aus. Die koordinierte Zusammenarbeit zwischen Schulen, Jugendhilfe, Jugendsozialarbeit und Anbietern von Sprachförderung hilft, Schulversagen zu vermeiden und den Übergang in Ausbildung zu ebnen. Dies kann zu Einsparungen bei den oft sehr kostenintensiven Maßnahmen des Übergangssystems führen. Mit regionalem Bildungsmonitoring sind solche Effizienzgewinne nachweisbar.

In der Berufsschulbildung hat die duale Ausbildung Priorität

Bei den Berufsschulen erfolgt derzeit eine Konzentration: Es werden überregionale Fachklassen gebildet. Eine Ausdünnung der Angebote erfolgt vor allem bei den gewerblich-technischen Berufen. So genannte Kompetenzstandorte entstehen. Das heißt, Berufsschulen profilieren sich mit gewerblich-technischem oder kaufmännischem Schwerpunkt.

Diese Profilierung ist aus Sicht der Wirtschaft im Zuge der demografischen Entwicklung sinnvoll. Die Berufsschulen sollten jedoch ihre Angebote auf regionaler Ebene stärker koordinieren. Nicht jede Berufsschule muss alle Fachklassen anbieten. Vielmehr muss auf die Qualität des schulischen Teils der beruflichen Bildung Wert gelegt werden. Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass das regionale Angebot für die Ausbildungsbetriebe attraktiv und ausgewogen ist. Zu große Entfernungen zur Berufsschule wirken als Ausbildungshemmnis.

Neben der Profilierung versuchen die Berufsschulen ihre Existenz durch vollzeitschulische Angebote zu sichern und bieten sie als Alternative zur dualen Berufsausbildung an. Damit bleiben teure Warteschleifen erhalten, da im Anschluss an die schulische Ausbildung in den wenigsten Fällen ein direkter Übergang in den Arbeitsmarkt gelingt. Aus Sicht der Wirtschaft sollte ein gezielter Rückbau vollzeitschulischer Ausbildungsgänge erfolgen. Die frei werdenden Mittel können in die Qualität des berufsschulischen Unterrichts und in die Sicherung des Lehrernachwuchses in den Mangelfächern investiert werden.

Finanzierung der Bildung als strukturelles Problem lösen

Bund und Länder müssen sich auf einen gemeinsamen Weg der Bildungsfinanzierung verständigen, der den Schulen und Hochschulen einen verlässlichen Rahmen sichert. Nur so besteht die Chance den Investitionsrückstand in absehbarer Zeit abzubauen. Dabei ist auf einen effizienten Einsatz der Mittel und laufende Überprüfungen der Ergebnisse zu achten.

Die Struktur der Bildungsfinanzierung sollte stärker als bisher private Anteile einfordern, insbesondere dort, wo der private Nutzen höherer Bildung offensichtlich ist, also an Hochschulen und in der Weiterbildung. Die Gewöhnung an die öffentliche Bereitstellung der Bildungsangebote darf nicht dazu führen, dass sich Lernende grundsätzlich auf eine staatliche Finanzierung verlassen. Das gilt gleichermaßen für das Einbringen von zeitlichen Ressourcen.

Hochschulstrukturen an lebenslanges Lernen anpassen

An den Hochschulen fehlen Teilzeit- und berufsbegleitende Angebote, so zum Beispiel Kurse am Abend oder an Wochenenden. Diese sind vor allem für Berufstätige und Studierende mit Kindern notwendig.

Die wissenschaftliche Weiterbildung ist das Stiefkind der Hochschulen. Im Sinne des lebenslangen Lernens müssen Weiterbildungsmöglichkeiten geschaffen werden, die den aktuellen Stand der Forschung und neue Erkenntnisse an akademisch qualifizierte Berufstätige weitergeben.

Wissens- und Technologietransfer stärken

Die Transparenz der öffentlichen FuE-Landschaft in Deutschland muss erhöht werden insbesondere mit Blick auf die behandelten Forschungsgebiete, deren Ziele und Wirksamkeit, damit vor allem KMU schneller geeignete fachliche Ansprechpartner und damit Kooperationspartner finden können. Darüber hinaus sollten Hochschulen und Forschungseinrichtungen über gezielte Anreize zu einer intensiveren Zusammenarbeit insbesondere mit KMU animiert werden. Denkbar wären auch finanzielle Instrumente, die eingegangene Kooperationen der Hochschulen unterstützen.

Kontakt:

Berit Heintz
Telefon: 030-20308-2513
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Dr. Michael Liecke
Telefon: 030-20308-1540
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